Bonhoeffer: Nachfolge (13) – Die verborgene Gerechtigkeit

Nach den einführenden Kapiteln zum Thema Nachfolge ging es in Bonhoeffers Buch zunächst um Matthäus 5. Bonhoeffer hat diese Auslegung von Mt. 5 überschrieben mit „Vom ‚Außerordentlichen‘ des christlichen Lebens“. Jetzt geht es um Matthäus 6 unter der Überschrift „Von der Verborgenheit des christlichen Lebens“. Für Bonhoeffer rückt Matthäus 6 das vorige Kapitel ins rechte Licht: Die Nachfolge fordert das Außerordentliche, das was über das normale Maß hinausgeht. Darin liegt allerdings auch eine Gefahr: „Sich mit allem Radikalismus und aller Kompromisslosigkeit von der Welt zu trennen“ (S.150) und in geistlichen Hochmut zu verfallen (S.151).

Als Gegenpol geht es nun um die Demut der Verborgenheit in der Nachfolge. „Zwar muss es sichtbar werden, muss das Außerordentliche geschehen, aber – habt acht, dass es nicht geschieht, damit es sichtbar werde. Zwar hat die Sichtbarkeit der Nachfolge einen notwendigen Grund, nämlich den Ruf Jesu Christi, aber sie ist niemals selbst ein Ziel.“ (S.153) Nachfolge muss also einerseits sichtbar werden, die Menschen sollen das Außerordentliche des Nachfolgers sehen, aber wir sollen andererseits dieses Außerordentliche nicht deswegen tun, damit die Leute es sehen und wir selbst damit in den Mittelpunkt gerückt werden.

Konkret gelebt werden kann dieser Widerspruch nur im Schauen auf Christus. Der Nachfolger soll nicht auf das Außerordentliche sehen, sondern auf den, der ihm vorangeht (S.154). „So sieht der Nachfolgende immer nur seinen Herrn und folgt ihm. Sähe er das Außerordentliche selbst, so stünde er schon nicht mehr in der Nachfolge.“ (S.155) „Das echte Werk der Liebe ist immer das mir verborgene Werk.“ (S.155)

Ich finde diese Beobachtungen von Bonhoeffer sehr erhellend. Denn da liegt ja tatsächlich eine gewisse Spannung: Einerseits sollen wir unser Licht leuchten lassen vor den Menschen (Mt.5,16), aber andererseits sollen wir unsere Frömmigkeit nicht ausüben, um von den Menschen gesehen zu werden (Mt 6,1).

Wenn ich darüber nachdenke, dann ist es tatsächlich so, dass beides notwendig ist, ja, dass beides zusammengehört. Die Christen, die meines Erachtens am hellsten leuchten, sind gerade die Demütigen und Bescheidenen (und da geht es um echte Demut und nicht vorgespielte oder oberflächlich antrainierte Demut). Sobald Christen anfangen, sich auf ihre Frömmigkeit und ihre Fähigkeit das Außerordentliche zu tun, etwas einzubilden, wird es schief, hässlich, abstoßend und dunkel. Unter den Menschen, die ernsthaft Christus nachfolgen wollen, ist das tatsächlich eine große Gefahr: geistlicher Hochmut.

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