Bonhoeffer: Nachfolge (12) – Der Feind

Bonhoeffer beginnt Auslegung des Abschnittes über die Feindesliebe wieder mal mit einem Abschnitt, in welchem auf deutliche Weise eigentlich schon alles gesagt ist: „Hier fällt zum ersten Mal in der Bergpredigt das Wort, in dem alles Gesagte zusammengefasst ist: Liebe, und sogleich in der eindeutigen Bestimmung der Feindesliebe. Liebe zum Bruder wäre ein mißverständliches Gebot, Liebe zum Feind macht unmissverständlich deutlich, was Jesus will.“ (S.140)

Das Ziel der Bergpredigt ist Liebe. Nicht Polemik gegen Pharisäer oder alttestamentliche Gebote, sondern Liebe. Das Gebot der Bruderliebe ist nicht falsch, aber insofern missverständlich, als es leichter ist wie die Feindesliebe und Raum für die Abgrenzung vom Feind lässt. Den Feind zu lieben ist das Schwierigste, es schließt die Liebe zu allen anderen mit ein.

Auch bei der Feindesliebe versucht Bonhoeffer nicht zu erklären und abzuschwächen, sondern er spitzt zu und hebt die Schärfe dieses Gebots hervor. Es betrifft alle Feinde, seien es religiöse Feinde, seien es politische Feinde, seien es persönliche Feinde. Der Feind ist derjenige, „der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe; der mir nichts vergibt, wenn ich ihm alles vergebe; der mich haßt, wenn ich ihn liebe; der mich um so mehr schmäht, je ernster ich ihm diene.“ (S.142) Bonhoeffer betont, dass es nicht nur um ein Erleiden des Bösen ist, das uns der Feind zufügt, sondern mehr: „Ungeheuchelt und rein sollen wir unserem Feinde dienen und helfen in allen Dingen. Kein Opfer, das der Liebende dem Geliebten darbringen würde, kann uns zu groß und zu kostbar sein für unseren Feind.“ (S.142)

Ist solche ein Liebe überhaupt möglich für uns Menschen? Bonhoeffer sagt ja. Sie ist auf diese Weise möglich, „daß sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat. Die Feindesliebe führt den Jünger auf den Weg des Kreuzes und in die Gemeinschaft des Gekreuzigten. […] sie ist ja nicht seine eigene Liebe. Sie ist ganz allein die Liebe Jesu Christi.“ (S.144) Eine leidenschaftliche und stark betonte Theologie des Kreuzes verbunden mit radikaler Nachfolge: Wer Jesus wirklich nachfolgen will, in aller Konsequenz, der wird eins mit dem Gekreuzigten. Ohne das Kreuz „funktioniert“ die Bergpredigt nicht. Nicht weil Jesus uns am Kreuz vom Anspruch der radikalen Gebote der Bergpredigt erlöst, sondern weil er uns als Nachfolger Anteil an seinem Gehorsam gibt, dem Gehorsam bis zum Kreuz.

Bonhoeffer ergänzt die Überschrift zu diesem Kapitel mit dem Zusatz: das „Außerordentliche“. Gerade am Gebot der Feindesliebe wird deutlich, was das Christliche ist: „das Christliche ist das ‚Sonderliche‘, […], das Außerordentliche, das Nichtreguläre, Nichtselbstverständliche.“ (S.147) Es ist das, was über das normale ethische Maß hinaus geht. „Es ist der Weg der Selbstverleugnung, völliger Liebe, völliger Reinheit, völliger Wahrhaftigkeit, völliger Gewaltlosigkeit; es ist hier die ungeteilte Liebe zum Feind. […] Es ist in all dem der Weg, der seine Erfüllung fand am Kreuze Christi. […] Es ist die Liebe Jesu Christi selbst, die leidend und gehorsam ans Kreuz geht, es ist das Kreuz.“ (S.148)

Bonhoeffers Sicht des Kreuzes fordert uns heute heraus. Wir sehen im Kreuz vor allem Jesu Erlösungstat für uns. Er ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Durch sein Kreuz haben wir Vergebung. Das stimmt auch. Aber wenn wir dabei stehen bleiben, dann geraten wir leicht in eine sehr bequeme Kreuzestheologie: Wir sagen, dass wir ja eh nicht so perfekt sein können wie Jesus und dass wir das ja gar nicht brauchen. Jesus ist ja gerade für unsere Sünden, für unsere Unperfektheit gestorben. Und damit können wir die herausfordernden Gebote der Bergpredigt leicht beiseite schieben. Wir können uns beruhigt sagen: „Das kann und muss ich gar nicht erfüllen. Das hat ja Jesus für mich erfüllt. In ihm hab ich Vergebung und darf rein vor Gott stehen.“

Bonhoeffer sagt: Natürlich haben wir in Jesus Vergebung. Das entbindet uns aber in keiner Weise von dem Ernst der Gebote Jesu. Jesus gibt uns diese Gebote nicht, um uns unsere Unfähigkeit vor Augen zu führen, sondern weil er wirklich will, dass wir ihm ähnlicher werden, dass wir als Nachfolger auch den Weg des Kreuzes gehen, dass wir in seiner Kraft diesen radikalen Weg der Demut gehen.

Das Ganze erinnert mich an ein umstrittenes Stichwort von John Wesley: „christliche Perfektion“ (christian perfection; vgl. wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_perfection). Als ich das zum ersten mal gehört habe, da hab ich gedacht: „So ein Blödsinn! Kein Mensch kann perfekt sein! Gott allein ist perfekt! Wir sind doch alle Sünder!“ Es geht Wesley aber nicht um eine sündlose Perfektion, es geht ihm auch nicht um ein Erarbeiten des Heils durch Perfektion. Es geht ihm um den Prozess der Heiligung auf dem Hintergrund der Gnade Gottes. Es geht um die Zielrichtung und Blickrichtung. Ich kann bequem auf der Vergebung sitzen bleiben und dabei genau so bleiben wie ich bin. Oder ich kann mich auf den Weg der echten Nachfolge begeben und versuchen, Jesus immer ähnlicher zu werden, so zu leben und zu leiden wie er es tat.

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