Bonhoeffer: Nachfolge (11) – Die Wahrhaftigkeit – Die Vergeltung

In dem Kapitel zur Wahrhaftigkeit geht um das Schwören eines Eides. Ein Eid ist „die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage.“ (S.130) Die Grundabsicht der Anweisung Jesu für seine Nachfolger ist klar: „Jedes seiner Worte soll nichts als Wahrheit sein, so dass keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe.“ (S.131) Es geht um ein Leben in der Wahrhaftigkeit – ganz unabhängig von Schwurformeln.

Nachdem Bonhoeffer bis jetzt vor allem in geradezu provozierender Weise den einfältigen Gehorsam betont hat, taucht hier zum ersten mal so etwas wie eine Differenzierung je nach Einzelfall auf: „Wo gerade um der Wahrhaftigkeit willen der Eid zu leisten ist, ist nicht generell zu entscheiden, sondern wird vom Einzelnen entschieden werden müssen.“ (S.132) Es geht hier um die Frage, wie sich der Christ konkret verhalten soll, wenn er von anderen zu einem Eid aufgefordert wird. Hier will Bonhoeffer keine rein wörtliche Befolgung des Gebotes, sondern ein an der Wahrhaftigkeit orientiertes Entscheiden für den Einzelfall.

Wobei er sich dann gleich mit dem Treueid auseinandersetzt, den zur Zeit des dritten Reiches Geistliche und Beamten gegenüber Hitler leisten mussten. Hier bezieht er klar Stellung: „Es gibt für den Christen keine absolut irdische Bindung.“ (S.132) Solch einen Treueid kann ein Christ nur unter dem Vorbehalt des Willen Gottes leisten, wird dieser Vorbehalt nicht anerkannt, „so kann der Eid nicht geleistet werden.“ (S.133)

Mir ist etwas schleierhaft warum Bonhoeffer ausgerechnet an dieser Stelle recht vorsichtig formuliert und davon spricht, dass man beim Eid keine generelle Entscheidung treffen kann. Bis dahin hat er ja keineswegs mit vorsichtiger und überdifferenzierter Auslegung geglänzt. Die Differenzierung in der reformatorischen Theologie zu diesem Thema kann nicht der Grund sein, denn an anderen Stelle bezieht Bonhoeffer auch ganz klar Stellung gegen manche Aussagen aus reformatorischer Tradition. Denkt er an den konkreten Fall, wenn man vor Gericht einen Eid schwören muss? Ist es in dem Fall erlaubt, weil man damit der Wahrhaftigkeit dient?

Im nächsten Kapitel von der Vergeltung wird es dann schon wieder fast unerträglich radikal. Das Böse kann nur überwunden werden, indem man ihm keinen, aber auch nicht den geringsten Widerstand entgegensetzt. Bonhoeffer versteigt sich zu Aussagen wie: „Vergewaltigung wird darin gerichtet, dass ihr keine Gewalt entgegentritt.“ (S.136) Das heißt für ihn nicht, dass das Böse nicht als Böse benannt werden darf – das schon – aber überwunden wird es nur im erleiden und erdulden.

Die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht, wischt Bonhoeffer beiseite: Jesus kannte solch eine Unterscheidung nicht (S.137)

Nun gibt Bonhoeffer selbst zu, dass diese Sätze nicht als „ein allgemeines ethisches Programm“ (S.138) verstanden werden könnten. Aber wie dann? Immer wieder stoße ich bei Bonhoeffers Nachfolge an diesen Punkt: Seine Aussagen sind keine dogmatischen Aussagen, ich kann daraus kein theologisch schlüssiges Lehrgebäude machen, ich kann daraus keine praktisch lebbare Ethik entwickeln. Auch für die Seelsorge sind sie in ihrer Radikalität nur bedingt zu gebrauchen. Für Dogmatik, Ethik und Seelsorge sind seine Sätze ganz einfach zu steil.

Ich denke es geht Bonhoeffer darum, ganz grundlegende existentielle Aussagen zu machen. Er will den Anspruch Jesu, den Anspruch an die Nachfolger, auf die existentielle Spitze treiben. Mit dieser Zuspitzung kann ich keine Dogmatik betreiben, damit kann ich nur in herunter gebrochener Form Seelsorge betreiben. Er sagt es selbst: „Hier redet ja nicht ein Programmatiker, sondern hier redet“ (S.139) Jesus Christus, der am Kreuz durch die Niederlage hindurch, durch das Erleiden hindurch das Böse überwunden hat. „Im Kreuz allein ist es wahr und wirklich, dass die Vergeltung und Überwindung des Bösen die leidende Liebe ist.“ (S.139)

Aber was ist, wenn ich diese grundlegenden existentiellen Aussagen auf konkrete ethische Entscheidungen im Alltag herunter brechen muss? Dann ist nicht mehr alles so einfach und eindeutig, wie es sich bei Bonhoeffer anhört. Wie ist es z.B. mit dem Polizisten, der Verantwortung für andere übernommen hat und nun wählen muss: Tue ich dem Gewalttäter Gewalt an, um die Schwachen zu schützen oder leide ich mit dem Schwachen, um das Böse durch leidende Liebe zu überwinden? Wie ist das z.B. mit der Mutter, die mitansehen muss, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Sagt sie ihrem Sohn, dass er sich wehren soll, schickt sie ihm auf eine andere Schule oder sagt sie ihm, dass er das Böse nur durch Leiden wirklich besiegen kann? Hier finde ich die reformatorische Unterscheidung zwischen dem, was einem persönlich geschieht und dem, was mir in meiner von Gott übertragenen Verantwortung für andere geschieht durchaus hilfreich.

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.