Anne Frank: Tagebuch

Überrascht, fasziniert und bewegt hat mich das Tagebuch von Anne Frank. Obwohl ich gerne lese und Anne Frank eigentlich zur Standardliteratur in deutschen Schulen zählt, hab ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen und wusste auch kaum etwas über den Inhalt.

Überrascht hat mich, dass von den eigentlichen Schrecken des Krieges recht wenig direkt deutlich wird (auf indirekte Weise dann natürlich schon). In den Tagebucheinträgen, welche Anne Frank im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren schrieb, wird vor allem der Alltag von acht Juden deutlich, welche sich in einem abgeschirmten Hinterhaus in Amsterdam während der deutschen Besetzung versteckt hielten. Vom Krieg selbst erhalten die untergetauchten Juden nur indirekt über ihre Helfer oder über Radio Informationen. Im Alltag bestimmender sind die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die nervliche Anspannung aufgrund der Enge und der Angst und für Anne Frank selbst ihre persönliche Entwicklung und die Auseinandersetzung mit ihren Eltern in diesen Jahren der Pubertät.

Faszinierend ist, was in diesen ungeschönten Tagebucheinträgen deutlich wird von der Person der Anne Frank. Ein hoch intelligentes und schriftstellerisch begabtes junges Mädchen. Nach außen hin fröhlich, extrovertiert, selbstbewusst und oft auch frech. Aber in ihren Aufzeichnungen wird auch eine zweite, nachdenkliche und tiefgängige Seite ihres Charakters deutlich. Es werden ihre Ängste und Kämpfe deutlich, ihre Sehnsucht nach Verstandenwerden und Ernstgenommenwerden, ihre Verletzungen und wie sie diese Verletzungen nach außen hin überspielt.

Bewegt hat mich diese innere Entwicklung eines jungen Menschen unter extremen Bedingungen. Bewegt hat mich auch das Schicksal der ganzen Familie und der anderen im Versteck untergekommenen Juden. Was für ein Wahnsinn, dass diese ganz normalen Menschen mit ihren Träumen, Hoffnungen und Ängsten kein Recht zum Leben haben sollten, nur weil sie Juden waren!?! Bewegend sind auch und gerade diese Beschreibung der manchmal scheinbar kleinen Alltagssorgen, welche auf paradoxe Weise verdeutlichen, welcher Irrsinn es ist, wenn Menschen, die einfach nur leben und lieben wollen, im Chaos des Krieges zerrieben werden.

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