1. Timotheus 1,12-20 Der größte Sünder

Gegenüber den Spekulationen der Irrlehrer wird das Zentrum der paulinischen Botschaft betont: „dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.“ (V.15) Erstaunt hat mich der Zusatz „unter denen ich der erste bin.“ Sachlich und grammatikalisch hätte ich spontan eher erwartet: unter denen ich der erste war. Paulus hat nicht nur Jesus Christus abgelehnt, sondern er hat Jesus Christus und die Christen aktiv bekämpft – insofern sah er sich als der größte Sünder. Aber nach seiner Begegnung mit Jesus Christus hat sich das gründlich verändert: aus dem Christenverfolger wurde der größte Evangelist der jungen Kirche.

Ich verstehe diese Stelle mit dem lutherischen „simul iustus et peccator“. Wir sind zugleich gerecht und Sünder. Wir sind gerecht und stehen völlig rein vor Gott, weil uns in Christus alle Sünden vergeben sind. Aber wir bleiben doch zugleich Sünder, weil wir bleibend auf die Gnade Gottes angewiesen sind, wir können auch als Christen unsere Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott nicht aus eigener Kraft bewahren. Gerade der ist gerecht vor Gott, der sein Sündersein erkennt! Gerade der bekommt Vergebung, der mit seiner Sünde zu Gott kommt! Wer meint, durch das Kreuz ein für allemal völlig frei von Sünde zu sein, der macht für sich selbst Gottes Gnade überflüssig, denn er braucht sie ja jetzt nicht mehr. Deshalb ist auch Paulus nach seiner Bekehrung noch Sünder, aber eben ein gerechtfertigter Sünder.

Für mich ist dieser realistische Blick auf mich selbst wichtig. Denn nur so bleibe ich in der Abhängigkeit von Gott. Ich bin täglich neu auf seine Gnade und Vergebung angewiesen.Ich lebe täglich neu aus seiner Barmherzigkeit. Ich habe täglich neu Grund, die Gnade Gottes zu preisen, anstatt in meiner Selbstgerechtigkeit über andere zu urteilen: „Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergleichlichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“ (V.17)

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Ein Gedanke zu „1. Timotheus 1,12-20 Der größte Sünder“

  1. Lieber Bruder/Schwester? in Christus,
    ich bin froh, dass ich ihren Text so schnell gefunden habe. Das Wort von Paulus bewege ich seit Jahren im Herzen, da es für mich eine existentielle Frage meiner Identität in Christus ist, ob ich ein gerechtfertigter Sünder, ein Heiliger UND Sünder, ein Heiliger der sündigt,…,…? BIN.
    Bisher bin ich noch nicht zu einem endgültigen Schluß gekommen, inzwischen komme ich zu einem Schluß der nicht dem entspricht wie man Luther interpretiert oder wie er es tatsächlich gemeint hat?
    Zuerst meine ich, dass ich nicht Heiliger UND Sünder SEIN kann, genauso wenig wie ich Hund UND Katze SEIN kann.
    Desweiteren, und das ist neu, seit dem ich, wie gesagt dieses Wort seit Jahren im Herzen bewege: Es gibt keine großen und kleinen Sünder d.h. es gibt nicht mehr oder weniger gefallene Menschen. Die ganze MenschHEIT ist gefallen und hat die Schöpfung mit sich gerissen und tut es noch.
    Aufgrund dieser zwei Überlegungen komme ich zum Schluß, dass Paulus, wenn er davon spricht, dass er der größte unter den Sündern ist, meint, dass er sich in größerem Masse als andere DARÜBER BEWUßT IST wie tief er gefallen ist, ganz einfach weil er Mensch und Nachkomme von Adam und Eva ist.
    Ein Heiliger IST für mich ein von Gott für ihn Ausgesonderter, von der Welt ausgesondert um für IHN zu leben, nicht für die Welt und für sich.
    Jemand der in ein anderes, dem weltlichen Koordinatensystem diametral entgegengesetzten Koordinatensystem, versetzt wurde.
    D.h. Alles heißt für mich in der logischen Konsequenz:
    Ich BIN ein Heiliger (das ist meine Identität in Christus und weder Engel noch Teufel können mich aus diesem Koordinatensystem wieder rausreißen) der sündigt (das ist offensichtlich, täglich und läßt sich beim besten Willen nicht leugnen).
    Insofern komme ich das betreffend zum selben Schluß wie Sie – auch als Heiliger bin ich vollkommen auf die Gnade Gottes angewiesen ohne die ich nicht leben kann.
    Zitat von Ihnen: „nur so bleibe ich in der Abhängigkeit von Gott. Ich bin täglich neu auf seine Gnade und Vergebung angewiesen.Ich lebe täglich neu aus seiner Barmherzigkeit. Ich habe täglich neu Grund, die Gnade Gottes zu preisen, anstatt in meiner Selbstgerechtigkeit über andere zu urteilen: „Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergleichlichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“ Soweit – so kurz
    mit freundlichen Grüßen und Gottes reichem Segen
    Ekkehard Friedrich

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