1. Korinther 8, 4-13 – Die Tyrannei der Schwachen

Das was Paulus in den vorigen Versen grundsätzlich ausgesagt hat (nämlich dass die Liebe wichtiger ist als alle Erkenntnis), das exerziert er jetzt an der konkreten Anfrage der Korinther durch: Dürfen Christen Fleisch essen, welches bei heidnischen Kulten anderen Göttern geopfert wurde? Anscheinend gab es damals Fleisch auf dem Markt zu kaufen, das erst durch irgendwelche religiösen Handlungen den Göttern geweiht wurde und das erst dann verkauft wurde. Von der Erkenntnis her ist die Sache für Paulus klar: Es gibt nur einen Gott. Und selbst wenn sich die Menschen eigene Götter machen, so wissen wir Christen doch dass diese Götter keine wirklich Macht haben. Götzenopferfleisch kann uns darum nicht schaden.

Aber: Es gibt für den Christen nicht nur den Blickwinkel der Erkenntnis, sondern auch den Blickwinkel der Liebe. Wenn ich nach meiner Erkenntnis mit gutem Gewissen etwas tun kann, aber ein Bruder oder eine Schwestern hat diese Freiheit noch nicht – dann sollte ich auch auf meine Freiheit verzichten. Allerdings gilt das nicht prinzipiell, sondern dann wenn meine Freiheit für den anderen zum Anstoß wird. D.h. wenn er dadurch zu etwas verleitet wird, was er eigentlich mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann.

Das ist jetzt interessant für die Definition von Sünde: An für sich ist das Essen von Götzenopferfleisch keine Sünde. Aber wenn jemand meint es sei eine Sünde und es dann trotzdem tut (weil er sich dem Druck der Masse beugt), dann ist es Sünde. Die Frage von Sünde ist demnach nicht so sehr eine Frage von Geboten und Gesetzen, sondern eine Frage meiner Beziehung zu Gott. Wenn ich dabei mit Gott im Reinen bin, kann ich im Grund tun und lassen was ich will. Cool, oder? Dabei ist natürlich klar: Wenn ich wirklich mit Gott im Reinen sein will, dann will ich auch gar nichts tun, was seinem Willen nicht entspricht und ich halte mich von selbst an seine Gebote und Weisungen. Der Punkt im Zusammenhang ist für Paulus: Wenn es unterschiedliche Auslegungen und Interpretationen von Gottes Willen gibt, dann zählt mein Gewissen. Und dann soll man die vorsichtigen Christen nicht dazu zwingen, etwas gegen ihren Willen zu tun. Dann lieber freiwillig auf die eigene Freiheit verzichten.

Allerdings kann das Ganze auch zu einer Tyrannei der Schwachen führen. Wenn die vorsichtigen und ängstlichen Christen vor jeglicher Freiheit im Glauben Angst haben und sich an Gesetzlichkeit und Konvention klammern, dann kann das auch gefährlich werden. Dann kann man auch um des lieben Friedens willen jegliche Erkenntnis der Freiheit eines Christenmenschen leugnen und alle anderen in das Korsett der Gesetzlichkeit zwingen. Wenn z.B. einige Traditionelle in der Gemeinde Anstoß an neuen Liedern nehmen, dann können sie unter Umständen mit ihrer „Schwachheit“ eine ganze Gemeinde tyrannisieren. „Man muss ja Rücksicht nehmen und darf ihnen keinen Anstoß geben – auch wenn wir eigentlich alle wissen, dass wir nur mit alten Liedern keine neuen Leute begeistern werden.“ Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne des Paulus, oder?!

1. Korinther 8, 4-13 – Die Tyrannei der Schwachen
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