1. Korinther 7, 17-40 – Der weltfremde Paulus

Mensch Paulus, hast du dich da nicht gründlich getäuscht? Du sagst: „Die Zeit ist kurz“ (1.Kor.7,29). Nun sitz ich hier im Jahr 2008 vor meinem Computer und denk: Naja, aus Gottes Perspektive vielleicht schon, wenn tausend Jahre wie ein Tag sind. Aber aus menschlicher Perspektive zieht sich diese kurze Zeit ganz schön dahin, bis Jesus endlich wieder kommt. Knapp 2000 Jahre (bis jetzt) – das ist kein Pappenstiel. Würdest du, Paulus, heute zugeben, dass du dich mit dieser konkreten Naherwartung getäuschst hast? Und würdest du, mit diesem Wissen, vielleicht auch manche Passagen aus deinen Briefen etwas anders schreiben?

Du schreibst, dass die Zeit kurz ist und dass wir deswegen so leben sollten, als hätten wir nicht. Es vergeht ja sowieso bald alles, deswegen sollen wir unser Herz nicht an all die weltlichen Dinge (Besitz, Familie, Freunde, Hobbies, …) hängen. Wir sollen so leben, als hätten wir das alles nicht – wie stellst du dir das eigentlich vor? Ich liebe meine Frau und meine Kinder. Ich genieße es, meine Frau zu küssen und zu streicheln,… soll ich so tun – als ob mir das keinen Spaß machen würde? Mein Herz macht manchmal Freudensprünge, wenn ich unsere Kinder ansehe – soll ich so tun, als ob ich nichts mit ihnen zu tun habe? Soll ich immer nur an Christus denken und wie toll er doch ist? Soll ich ständig von dem Gedanken beseelt sein, wie ich Gott dienen kann und seine Ewigkeit in unsere Zeit hereintragen kann – und darüber meine alltäglichen Aufgaben, Freuden und Nöte einfach vergessen? Haben als hätte man nicht, in der Welt leben, als ob man nicht in der Welt leben würde – das ist doch keine ernsthafte Option – das ist doch nur das Hirngespinnst eines Theologen! Das geht doch praktisch gesehen gar nicht! Ich kann nicht ständig ein Leben führen, bei dem ich so tue, als ob ich gar nicht mehr in dieser Welt, sondern schon im Himmel lebe.

Ja, ich weiß Paulus – du würdest auf jeden Fall sagen, dass deine Aussagen auch ohne das Eintreffen der konkreten Naherwartung grundsätzlich trotzdem gelten. Denn egal wie lang es dauert, es stimmt, dass das Wesen dieser Welt vergeht. Und es stimmt ja auch, dass jeder von uns sich nicht an diese irdische Welt binden kann und das letztendlich Gottes neue Welt das Entscheidende ist. Und ich weiß, dass du uns von falscher Sorge um vergängliche Dinge bewahren möchtest.

Aber nimmst du uns mit der Sorge um weltliche Dingen nicht auch die Freude über Gottes Schöpfung, die Freude daran Menschen zu lieben, Familien zu gründen, Kinder zu zeugen, sich an der Schönheit einer Blume zu berauschen? Ist das nicht eine unendlich kalte Welt, in der man ein herrliches Essen so ißt, als ob man es nicht essen würde, in der man ein bewegendes Musikstück so hört, als ob es einem völlig egal wäre, in der man über einen guten Witz so lacht, als ob er gar nicht witzig wäre, in der man einen romantischen Film anschaut, als ob menschliche Gefühle gar nicht so wichtig sind? Und wie sieht das aus mit unserer Verantwortung für diese Welt, die doch sowieso so schnell vergeht? Warum sich Sorgen machen über Umweltzerstörung und Klimakatastrophe – das vergeht ja doch alles in der „kurzen Zeit“? Warum den Gedemütigten, Hungernden, Leidenden helfen – die sollen einfach so leben, als ob sie das ganze irdische Leid nichts angeht?

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2 Gedanken zu „1. Korinther 7, 17-40 – Der weltfremde Paulus“

  1. Nein, der Punkt ist doch ein anderer. Da steht ja nicht, du sollst dich nicht um alle diese Dinge sorgen. Auch nicht, du sollst keine Freude an weltlichen Dingen haben. Sondern: Ab jetzt sollen alle sich sorgen, als sorgten sie sich nicht, und sich freuen, als freuten sie sich nicht. Man lacht auch nicht über einen Witz, als ob er nicht witzig wäre, sondern als ob man nicht lachte. Man hört auch nicht ein Musikstück so, als ob es einem egal wäre, sondern als ob man es nicht hörte. Und du sollst auch nicht aufhören, dich um die Welt zu kümmern oder für diese Belange zu interessieren. Das steht da einfach alles nicht.

  2. Ich habe in ähnlicher Weise mit dem ersten Korintherbrief gerungen und bin zu dem Schluss gekommen, dass Paulus im Glauben alles in Christus hat. Daher kann er alles genießen, ohne abhängig davon zu werden. Mehr dazu hier.

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